Vom Wer- oder Warwulf.

Dr. Ludwig Bette.

In der letzten Nummer der "Gladbecker Blätter" war kurz die Rede von dem "Warwulf". Vielen Lesern dürfte es willkommen sein, etwas Näheres über diese grausige Ausgeburt des Volksaberglaubens zu erfahren.

Was ist der Werwolf? Werwolf (vielleicht Mannworf von dem althochdeutschen Worte wer = mann), plattdeutsch Warwulf, fälschlich auch Bar- oder Bärwulf genannt, ist ein Mann, der sich in einen Wolf verwandeln kann, um die Menschen zu schrecken und zu schädigen. Man kann zwei, freilich oft ineinander übergehenden Auffassungen der Werwolfsgestalt unterscheiden. Nach der einen ist er noch ein lebender Mensch, der die Fähigkeit besitzt, sich in einen Wolf zu verwandeln, und in dieser Vermummung Menschen und Tiere frist. Nach der anderen Auffassung ist er ein schwarzes, zottiges Ungeheuer, das nachts auf bestimmten Wegen, auch in den engen Gasser alter Städte, umherläuft und die Leute nach Art anderer Dorftiere ängstigt und ihnen "aufheckt"; gewöhnlich ist es ein zur Strafe für seine Missetaten verwandelter Sünder. "Du sühs ut as so'n Warwulf", rufen noch heute die Mütter ihren Kindern zu, wenn sie nicht ordentlich gewaschen und gekämmt sind. Von dem echten Wolf unterscheidet sich der Werwolf durch den abgestumpften Schwanz. Die Verwandlung geschieht entweder durch Überwerfen eines Wolfhemdes, durch Einreibe mit Schmierfarbe, oder durch Anlegung eines aus Menschenhaut geschnittenen Gürtels. Die Rückkehr zur menschlichen Gestalt erfolgt nicht freiwillig, sondern geschieht erst nach einer bestimmten Zahl von Tagen oder Jahren. Der Werwolf hat mit der Umwandlung auch Stimme und Wildheit, Blutgier und Gefräßigkeit des Wolfes erhalten und raubt Menschen und Vieh. Der Glaube an den Werwolf ist sehr alt und bei vielen Völkern verbreitet: Bei Negern und Indianern, bei allen germanischen, romanischen, flavischen und keltischen Völkern. Schon die Griechen kannten den Lykanthropos (Wolfsmenschen); sie spendeten dem Zeus Lykaios (Wolfstöter) Menschenopfer. Nach der Sage waren die Gründer Roms von einer Wölfin gesäugt, und die alten Römer wussten viel vom Versipellis zu erzählen. In Frankreich heißt der Werwolf jetzt loupgavou, in Skandinavien Varulf.

Auch bei den alten Germanen lebte der Wolfmenschenglaube; nach ihrer Meinung verwandelte sich sogar der Gott Odin oder Wodan oft in einen Wolf. Dieser Aberglaube ist ei uns bei heute lebendig geblieben. Wie erklärt man sich den Glauben an den Werwolf? Seine Grundlage soll "ein tierischer Mordtrieb, eine wollüstige, grausame Gier nach Menschenfleisch" sein. Des Wolfes Kraft und List sollen Urmenschen so imponiert haben, "dass sie ihm eine gewisse Gottähnlichkeit zutrauen und wäre es die des Teufels". Gerade die Geschicktheit, mit der die Wölfe den Garnen und Fallen und Jagden von vielen Menschen auf weiteste Strecken entgingen, mochte die Urmenschen auf den Glauben bringen, dass man es hier mit einem Werk des Satans zu tun habe.

Wie die Hexenprozesse, so grassierten früher auch Werwolfprozesse. Der erste deutsche Prozess dieser Art soll 1589 gegen Peter Stump aus Bedburg bei Köln geführt sein. Stump gestand, als Wolf 15 Knaben, zwei Weiber und einen Mann erwürgt zu haben; er wurde mit glühenden Zangen zerrissen und dann "von oben bis unten" gerädert. Ein Jahr darauf wurde auch in Köln ein "Werwolf" hingerichtet. 1615 gab ein Kleinkamp aus Ahlen in einem Hexenprozess an, er habe einmal von einem Wasser getrunken und sei vor zehn Jahren ein Werwolf geworden. Als solcher haber er zuerst "dem Frie ein schwarzbuntes Kalb gebissen und den Kindern die Kehle abgebissen". Ein anderer und er seien als Werwölfe zusammengelaufen, Teufel in Gestalt zweier Hunde neben sich. Mit den anderen Besessenen hätte auf der der Leine getanzt, er sei dabei auch Trommelschläger gewesen. Die Trommel würde mit einem Fuchsschwanz geschlagen und gehe: Tup! Tup Tup! Kleinkamp gab ferner an, sie hätten sich geschmiert und seien darauf als schwarze Raben aufgeflogen. Der Angeklagte wurde hingerichtet, nachdem er zuvor Mitglieder der angesehensten Familie Ahlens gleichfalls der Hexerei bezichtigt hatte. Einen Christian zum Loe bezeichnete er ausdrücklich als Werwolf. Ein Bauer gab an, dass ihm durch den "Verstrickten" in 13 Jahren wohl 80 Stück Vieh getötet worden seien. Zum Loe hielt sich längere Zeit "im Busch" verborgen; schließlich wurde er gefasst und starb an der Folter. (Niehues, Geschichte des Hexenglaubens und der Hexenprozesse vornehmlich im ehemaligen Fürstbistum Münster).

Weit verbreitet war in Deutschland der Aberglaube, dass von sieben in einer Ehe hintereinander geborenen Mädchen eines ein Werwolf sei. - "Wenn der Werwolf mit dem Teufel einen Patt geschlossen hat, ist er unverwundbar, dann muss man die Büchse mit Hollundermark und Erbsilber laden. Wer sich dem Teufel verschrieb, muss sich von Zeit zu Zeit verwandeln und einen Menschen erwürgen; weigert er sich, so ist er der Hölle verfallen." (Vgl. Schmidt, Sagen und Aberglaube aus unserer vestischen und westfälischen Heimat in der "Vestischen Heimat", 1918, Heft 1) Auch in unseren Tagen ist der Glaube an Werwölfe nicht ausgestorben. Ein hiesiger Bürger erzählt aus seiner Heimat Höxter, dass dort die Kinder bestimmt an diese Gestalten betörter Volksphantasie geglaubt hätten. In der Nähe sei ein Pulverturm mit Wachtposten gewesen. Diese seien immer verschwunden und zar seien sie von einem Metzger geholt und verwurstet worden, der sich einen Riemen umgetan und dadurch in einen Werwolf gewandelt hätte. Derselbe Herr wich auch oft von früheren Soldaten gehört haben, dass während des Krieges 180-71 ein Metzger aus Metz sich häufig ein Soldatenkoppel umgeschnallt habe; dann sei er ein Werwolf geworden und habe als solcher deutsche Posten geholt. -

Der Glaube an den Werwolf war auch im Veste Recklinghausen weit verbreitet; fast in allen Orten leben Erinnerungen an ihn. In Gladbeck wissen alte Leute mancherlei Werwolfgeschichten zu erzählen. Für Mitteilung derselben wäre der Verfasser sehr dankbar.


letzte Änderung: 14.07.2012 Impressum