Grafenmühle

In Kirchhellen-Grafenwald befindet sich die Grafenmühle seit etwas mehr als 200 Jahren. Dietrich Graf von Merveldt, Besitzer eines Großteils des Gebiets Grafenwald ("auf'm Vossundern") besaß bei dem ihm gehörenden Haus Hove in Osterfeld zwei Wassermühlen. Um 1740 beantragte er die Verlegung einer dieser Mühlen nach dem Vossundern. 1755 wurde die eine der zwei Mühlen vom Haus Hove "abgenommen und auf'm Vossundern vor dem daselbst neu anzulegenden Damm neu aufgesetzt". Sicherlich besaß Graf Merveldt um diese Zeit die Gewissheit, dass sein Gesuch genehmigt wurde. Denn die schriftliche Bestätigung über die "translocirung" erteilte der Landesherr, Kurfürst Clemens August, erst am 5.10.1756 gegen eine Zahlung von jährlich fünf Spezies- Talern an die Oberrentei Horneburg. - Die Mühle wurde von Pächtern betrieben.

Von 1756 - 1762 war sie an den Verwalter des Hauses Hove, Jürgen Henrich Schulte, für 100 Taler jährlich verpachtet.

Von 1768 - 1772 hatte sie Anton Romberg für jährlich 120 Taler inne. Nicolaus Fanebrock müssen wir für den folgenden Zeitraum als Pächter mit einem kleinen Fragezeichen versehen. Doch er sagte 1780 aus, "er habe mit anderen in compagnie die vossunder Müle 7 Jare hindurch für 115 Thlr, dan noch 2 Jare für 108 Thlr in pacht gehabt".

1780 - 1786 hatte sie Hermann Brehmer angepachtet für nunmehr 150 Taler jährlich. Zum Pachtobjekt gehörte allerdings auch Acker- und Weidegrund sowie Holzung. Brehmer beklagte sich, dass die Nachbarn das Holz verbotenerweise schälten, worauf ihm der Graf "wegen frevelhaften Betragens der Kirchhellener jährlich 7 Taler 30 Stüber" nachließ.

1787 - 1799 war das Trio Wilm Knippink, Georg Pieper von Glas Kotten und Bernard Weilmann genannt Wolters Jans für 165 Taler jährlich Pächter der Mühle.

1800 - 1812 war Jörgen Pieper alleiniger Pächter. Er zahlte 171 Taler jährlich. 1808 bittet der Kirchhellener Pastor H. Alterauge im Namen des Pieper um Pachtnachlass. Die Fruchtpreise seien gefallen, zudem sei beim Dorfe Kirchhellen eine Windmühle erbaut, auch habe die Mühle selten genügend Wasser. 1809 wurde Pieper aus dem Vertrag entlassen.

Neuer Pächter wurde der Sohn Werner des Vorgenannten mit seiner Frau Anna Maria Blotekamp. Sechs Jahre bis 1815 betrieben diese die Mühle. Sie zahlten eine jährliche Pacht von 100 Talern. Weitere 12 Jahre bis 1827 pachtete sie für 130 Taler jährlich Vincenz Dahlmann an. 1827 wird von einem Brehmer gesprochen "der auf der Mühle wohnt".

Am 29.3. 1831 erfolgte der Verkauf des Vossundern einschließlich der Mühle an den Gutsbesitzer Bernard Joseph Averbeck aus Bottrop. Zu den an Averbeck übergebenen Unterlagen gehörte auch der Original-Pachtvertrag des Grafen Merveldt mit Johann Bremer über die Vossunder Mühle vom 10.3.1826. (Diese präzisen Angaben stammen aus dem Merveldt'schen Archiv. Ich verdanke sie Herrn Hugo Hölker.)

Über die weitere Pächterfolge und Eigentümer sind wir nur vage im Bilde. - In der Liste der Bürgerwehrmänner aus dem Jahre 1849 ist unter Holthausen (Grafenwald ist Teil Holthausens) ein Franz Lüger als Holzschuhmacher und MüIIer aufgeführt. Ferner ist bekannt, dass der Gutsbesitzer Mey aus Grafenwald Eigentümer gewesen ist. Er hat die Mühle - wahrscheinlich im Zusammenhang mit dem Verkauf seines Gutes an Thyssen - an den aus  Feldhausen stammenden Bauernsohn Dieckmann verkauft. Dieser verkaufte sie später an Franz Oleynik. Von ihm übernahm sie der Sohn Gerhard, und von diesem dessen gleichnamiger Sohn. Unter ihm wurde die Mühle vor etwa 10 Jahren stillgelegt.

Die Mühle wurde durch ein oberschlächtiges Wasserrad angetrieben, das eine Energie von 9-14 PS entwickelte. Es erhielt die Antriebskraft aus dem Mühlenteich, der durch Quellwasser und Wasser des Ebersbaches, dem sich vor seinem Eintritt in den Teich der Pötteringsbach zugesellt hat, gespeist wird. Haben die Wasser den Teich verlassen, so bilden sie den Rotbach.

Wir haben gehört, dass die Pächter Knippink, Pieper und Weilmann 1808 u. a. wegen nicht ausreichenden Wassers um Pachtnachlass gebeten hatten. Der Wasserstand wechselte auch später häufig und behinderte das Mahlen. Daher schaffte Gerhard Oleynik sen. um 1910 eine Lokomobile an. Diese wurde durch einen mit Benzol betriebenen Motor abgelöst. Später erfolgte die Umstellung auf Dieselöl. Als dieses gegen Ende des letzten Krieges zu teuer wurde, erfolgte eine Verbesserung der Antriebsverhältnisse durch Elektrizität.

Die Mühle wird in Grafenwald auch "Prokelisermü'ele" genannt. Eins der Lokale am Mühlenteich trägt daher diese Bezeichnung. - Mit dem Namen soll es eine besondere, weit zurückreichende Bewandtnis haben. Für kurze Zeit, von 1240 bis 1247, bestand in Grafenwald ein Zisterzienserinnen-Kloster. Eine der dort lebenden Klosterfrauen namens Else, so wird erzählt, habe bei Nacht und Nebel das Kloster verlassen und habe in der Umgebung ein lockeres Leben geführt. Ihr habe man dieserhalb das aus dem Lateinischen stammende Wort Pork (porcus = Schwein) angehängt und nur noch von Parken Else gesprochen. Aus Parken sei dann später prockel geworden.

Einiges spricht gegen diese Sage. In der Mitte des 13. Jahrhunderts bestand in dem menschenleeren "ta Defft" (Grafenwald) noch keine Mühle, die von einer entlaufenen, dort hausenden Klosterfrau ihren Namen erhalten hätte. War außerdem nicht auch die "Existenzbasis" zur damaligen Zeit in Grafenwald zu schmal? Deuten wir den Namen besser wörtlich nach dem mundartlichen Wort für Stocheisen, nämlich Prokeliser. Stützen wir diese These mit der schon dem Müller Gerhard Oleynik sen. zur Unterstützung der Wasserkraft angeschafften Lokomobile. Für diese benötigte er ein ansehnliches "Prokeliser". Sollen wir der leichtlebigen imaginären Klosterfrau, der Parken Else, nicht Abbitte leisten?

Grafenmühle (ca. 1920-5)   Alte Mühle Oleynik von Südwesten
(Anfang der 20-er Jahre)

Entnommen aus dem 1981 von Johannes Rottmann verfassten Heft 11 "Die Kirchhellener Bäche" der Schriftenreihe des Vereins- für Orts- und Heimatkunde.



 
  Das Foto (vermutlich aus der 60er oder 70er Jahren) wurde von Heinrich Ladzinski zur Verfügung gestellt.
  Dieses Foto wurde von Friedhelm Wessel zur Verfügung gestellt.

  Gaststätte Grafenmühle.
Das Bild wurde von Egon Schmitz fotografiert.
  Dieses Bild ist in der Ausstellung anlässlich des 90-jährigen Stadtjubiläums im Kulturzentrum in Bottrop zu sehen. Das Bild entstand um 1915. Fotograf war Georg Lücker.
  Diese Fotos stammen aus dem Archiv des Vereins für Orts- und Heimatkunde.  

Eine Reihe weiterer Bilder befinden sich bei den Ansichtskarten.


letzte Änderung: 17.01.2010 Impressum